Bärbel v. Römer-Seel im Gespräch:
GRÜNE INNENSTADT FÜR KÖNIGSTEIN

Wie stellen sich die GRÜNEN in Königstein eine zukunftsstarke Innenstadt vor?

Bärbel v. Römer-Seel:  Die Innenstadt Königsteins ist Kern und Schaufenster des öffentlichen Lebens. Hier liegt der Ausgangspunkt für den Erlebnisraum Königstein, den alle Einwohner*innen spüren sollten und Besucher*innen mitnehmen können. Dieses Zentrum der Möglichkeiten gilt es zu entwickeln. Störfaktor Nr. 1 ist der Autoverkehr. Die Parkplätze in der Stadtmitte hat Königstein nicht verdient. Der Schleichverkehr muss weichen. Er stellt eine Gefahr dar und zieht weiteren Verkehr nach sich.  Mit wenigen Stellschrauben ließe sich manches verbessern. Es geht um Lebensqualität, florierenden Handel, Gesundheit, Klima. Eine GRÜNE INNENSTADT KÖNIGSTEIN bietet hier Chancen.

Finden sich im Gestaltungskonzept der Innenstadt des Magistrats GRÜNE Forderungen wieder?

Bärbel v. Römer-Seel:  Ja, es gibt gute Ansätze. Die heftig umstrittene Planungsvariante 3a könnte jetzt die Gestaltung der Neuen Stadtmitte einläuten. Sie wurde nun parallel zu einer Testphase beschlossen. Wir GRÜNE finden in dieser Planung durchaus einige unserer Vorstellungen wieder, die wir bereits in den Vorschlag des Magistrats eingebracht hatten.

Wir begrüßen, dass die Georg-Pingler-Straße und Hauptstraße für den Individualverkehr gesperrt werden sollen. Damit wird die Qualität dieses zentralen Bereichs für den Aufenthalt gesteigert. Wichtige Elemente dafür sind die Belebung des Kapuzinerplatzes durch Gastronomie, der Bewegungsraum für alle Generationen, die Verringerung des Autoverkehrs in der Stadtmitte und die attraktive Anbindung des ÖPNV. Der Kapuzinerplatz wird in möglichen Nutzungen nicht beeinträchtigt und die optische Dominanz der bisher massiven Ansammlung der Busse mit der Verteilung auf drei Standorte verringert. Auch hat man mit der Möblierung der Parkanlagen die Chance, den Gesamteindruck im Zentrum Königsteins attraktiver zu gestalten.

Und was würden die GRÜNEN anders machen?

Zum einen bedauern wir in der Variante 3a die zusätzliche Flächennutzung eines Teils der Konrad-Adenauer-Anlage für den vergrößerten Parkplatz. Insgesamt aber bleibt die Variantenplanung nur ein Teilkonzept.

Uns fehlt bei all den Planungen der Mut. Mut zu einem neuen Verständnis des Lebens in unserer Stadt. Das erarbeitete Gestaltungskonzept versucht den kleinsten gemeinsamen Nenner zu identifizieren, um politische Mehrheiten zu finden.  Die GRÜNEN halten es für unerlässlich, im Rahmen des Projektes „Neue Stadtmitte“, über die Beauftragung eines Verkehrsplanungsbüros hinaus auch ein integriertes städtebauliches Entwicklungskonzept und eine Gestaltungssatzung für den Bereich Stadtmitte und angrenzenden Gebiete zu beauftragen.

Und was würden die GRÜNEN einem solchen Konzeptentwickler mit auf den Weg geben?

Ziel des Konzeptes muss es sein, die bestehende Situation der Stadtmitte hinsichtlich ihrer Funktion, Aufenthaltsqualität, Klimaneutralität und Barrierefreiheit zu untersuchen, bestehende Defizite und Potenziale zu definieren und Leitbilder und Planungsziele für die mittelfristige Weiterentwicklung der Innenstadt aufzuzeichnen. Solche Konzepte lassen sich übrigens mit bis zu 30 Prozent der zuschussfähigen Kosten durch den Bund finanzieren. Der bisher geplante Flickenteppich von Einzelmaßnahmen, der es jedem recht machen soll, entspricht nicht unserem Anspruch an ein zukunftsstarkes Königstein. 

Welches Verständnis haben die GRÜNEN von einem zukunftsgerechten Stadtleben?

Bärbel v. Römer-Seel:  Der Städtebau der 60-er Jahre war autofreundlich ausgerichtet. Historisch gewachsene Strukturen wurden entkernt. Staus, Unfälle, Flächenversiegelung und Luftverschmutzung waren die Folgen.  Die GRÜNEN folgen dem Konzept der Quartiersentwicklung. Weltweit gibt es heute Initiativen, Städte wieder an menschlichem Maß zu orientieren – so etwa die Idee der „15-Minuten-Stadt“. Sie soll weitgehend die Versorgungseinrichtungen für die Grundbedürfnisse der Bürger*innen in Laufentfernung abdecken. Homeoffices ersetzen teilweise schon die Präsenzpflicht und den damit verbundenen Verkehr. Wir in Königstein haben den Vorteil, dass sowohl die Kernstadt als auch die Stadtteile bereits in übersichtliche bürgernahe Bezirke gegliedert sind, die ihre eigene Geschichte und Identität besitzen. Doch gerade für die Stadtteile ist diese Entwicklung nur mit der Aufwertung der Nahversorgung und der höheren Frequenz der Busverbindungen möglich.

Welche konkreten Maßnahmen fordern die GRÜNEN für die verkehrsberuhigte Innenstadt?

Bärbel v. Römer-Seel: Das Konzept der GRÜNEN zur Innenstadtgestaltung in Bezug auf Aufenthaltsqualität, Gesundheit und Nachhaltigkeit beinhaltet bereits ihre Kernforderung: Kein Durchgangsverkehr durch die Stadtmitte. Das ist durchaus umsetzbar. Die Kernstadt kann durch fünf Stichstraßen aus allen Richtungen angefahren werden, an deren Ende sich bereits Parkmöglichkeiten befinden oder einrichten lassen. Die Verbindung zwischen den Zonen ist im inneren Bereich nur zu Fuß oder per Rad möglich und dauert nirgends länger als 15 min. Nur dem ÖPNV ist es gestattet, die Innenstadt anzufahren. Anwohner erhalten Zufahrtsberechtigungen. Ladezeiten werden festgelegt.

Wie sehr genießen wir die verkehrsberuhigten Zonen anderer idyllischer Kleinstädte – warum nehmen wir dieses Gefühl nicht mit nach Königstein? D

ie zweite Stellschraube ist der Anteil zugeparkter Bereiche. Wir geben den Autos zu viel Sichtbarkeit und Fläche in unserem öffentlichen Raum. Jedes Wohnhaus muss Stellplätze entsprechend der Anzahl der Bewohner ausweisen. Werden sie entsprechend genutzt? Hier setzen die GRÜNEN auf die Unterstützung der Bevölkerung. Der gewonnene Raum bietet Chancen für Gestaltung, Begegnung und wirtschaftlichen Aufschwung lokaler Geschäfte, Restaurants und Cafés.

Wir fordern die autofreie Innenstadt, um Raum für unsere Bürger zurückzugewinnen. Es ist nicht mehr zeitgemäß das Herz der Stadt für Parkplätze zu opfern und so den Gästen und Bürger*innen Lärm und Abgase zuzumuten. Deshalb muss unsere Innenstadt, müssen die Konrad-Adenauer-Anlage und der Kapuzinerplatz endlich, wie seit Jahren versprochen, neugestaltet werden. Für die Autos wollen wir unterirdischen Parkraum schaffen, die Bushaltestelle in die Adelheidstraße verlegen und den Durchgangsverkehr aus der Stadt nehmen.

Wie schätzen die GRÜNEN die Akzeptanz für ihre Vorschläge ein?

Bärbel v. Römer-Seel: Erfahrungen aus anderen Städten zeigen, dass die Skepsis zunächst überall sehr hoch war. Doch haben zeitlich und räumlich begrenzte Testphasen gezeigt, dass sich die Akzeptanz der Verkehrsberuhigung in anderen Städten deutlich verbesserte und schließlich zur Umorientierung der Gestaltung hin zu autofreien Innenstädten führte.

Unser Fazit: In autofreien Städten lebt es sich für alle, Einwohner*innen wie Gäste, gesünder, besser und klimafreundlicher. Gesundheit gehört zum Markenkern Königsteins und ist wichtiger Einkommensfaktor für Kliniken, Handel und Gewerbe. Die gesunde Stadt in unserer als Heilklima ausgewiesenen Umgebung muss die Richtschnur für die weitere Entwicklung der Kurstadt Königstein sein.

Das Gespräch wurde am 11. November 2020 geführt
Foto: Angela Emmrich, Gestaltung: Oliver Rasch

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